Auf seiner Mitgliederversammlung hat der Landesfachverband Medienbildung Brandenburg Bilanz aus fast zwei Jahren Corona-Pandemie gezogen und zentrale Forderungen für eine gelingende, kritische und lebensweltorientierte Medienbildung in Brandenburg gezogen. Im Mittelpunkt stehen dabei Jugendliche und ihre Bedingungen für gelinendes Aufwachsen in der digitalen Gesellschaft.

 

Jugendmedienbildung – Lehren aus der Pandemie

 

Nie zuvor war die Bedeutung digitaler Medien für die außerschulische Jugendbildungsarbeit so offensichtlich wie während der Corona-Pandemie. Zahlreiche Beschränkungen, Unsicherheiten im Umgang mit Datenschutz, mangelnde Ausstattungen und das Fehlen von (infra-) strukturellen Voraussetzungen haben die Arbeit der offenen Kinder- und Jugendarbeit besonders erschwert. Dennoch haben die Einrichtungen in Brandenburg einen wichtigen Beitrag geleistet, um junge Menschen zu erreichen, sie zu beraten und zu unterstützen. Digitale Medien wurden dabei häufig als Werkzeug eingesetzt. Doch gerade die Pandemie hat uns gezeigt, welche Bedeutung digitale Medien nicht nur bei der Aufrechterhaltung von Beziehungen und beim Lernen, sondern auch als Gegenstand von Lernprozessen selbst und als kreatives Ausdrucksmittel besitzen.

 

Mehr als Schüler*innen: Bedürfnisse und Sorgen von Heranwachsenden müssen auch in der Pandemie im Mittelpunkt stehen

Die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen haben besonders Heranwachsende getroffen, die harte Einschnitte ihres Alltags in Kauf nehmen, viele Regeln einhalten und mit ihrer Umsicht ältere Mitbürger schützen mussten. Jedoch haben und hatten sie nicht den Eindruck, dass ihre große Solidarität anerkannt wird. In der öffentlichen und politischen Debatte werden Jugendliche zu sehr auf ihre Rolle als Schüler*innen reduziert. Aspekte der Freizeitgestaltung, des sozialen Miteinanders und die essentielle Rolle der organisierten Jugendhilfe wurden wiederum kaum thematisiert. Stattdessen ging es fast ausschließlich um verlorene schulische Leistungen. Laut der Studie JuCo II[1] fühlen sich 65% der befragten Jugendlichen mit ihren Sorgen nicht gehört. Es muss Aufgabe der Jugendarbeit, Jugendhilfe und auch der Institution Schule sein, die Ängste und Nöte Heranwachsender zu analysieren und zu bearbeiten. Auch mit digitalen Räumen verbundene Herausforderungen und Risikobegegnungen zu Inhalten und Kontakten (bspw. exzessive Mediennutzung, Fragen des digitalen Verbraucherschutzes, Cybermobbing oder Hate Speech), die mit einer gesteigerten Mediennutzung während der Schulschließungen zugenommen haben, müssen dabei berücksichtigt werden.

 

Jugendmedienbildung ist eine zentrale Herausforderung während und nach Corona

Ziel unseres Handelns ist es, Jugendliche in einer digitalisierten Gesellschaft, die einem stetigen und beschleunigten Wandel unterzogen ist, handlungsfähig zu machen und sie bei einer souveränen Lebensführung in und mit digitalen Medien zu unterstützen. Künftig sollten neben der Aufrechterhaltung von Beziehungen und Kommunikationswegen in der Jugendarbeit, Aspekte der Mitgestaltung und Veränderung von Gesellschaft, der Kritikfähigkeit im Kontext des digitalen Wandels, des Wissens um die gesellschaftliche Bedeutung von Medien sowie der Wahrnehmung und Bearbeitung von Risikophänomenen in digitalen Räumen verstärkt thematisiert werden. Denn Medien dürfen nicht allein als Mittel zum Zweck verstanden werden, sondern müssen als natürlicher Bestandteil der Lebenswelt von Jugendlichen auch selbst Gegenstand formaler und non-formaler Bildung sein.

 

Jugendmedienbildung ist Teil von Demokratiebildung

Demokratiebildung kommt nicht mehr ohne eine handlungs- und lebensweltorientierte Medienbildung aus, denn soziale und politische Themen werden auch in mediatisierten Räumen ver- und ausgehandelt. Digitale Kommunikation kann dabei im positiven wie im negativen Sinn als Verstärker fungieren. Digitale Anwendungen bieten Raum zum Austausch und Diskurs. Sie sind Artikulationsmittel für die Belange von Jugendlichen. Doch auch in den digitalen Welten junger Menschen haben Verschwörungsmythen, Desinformationskampagnen sowie Hassrede einen Platz gefunden. Mit dem Ziel, sich reflektiert und möglichst angstfrei in digitalen Räumen auszudrücken und zu beteiligen, müssen Heranwachsende kontinuierlich pädagogisch begleitet werden. Eine partizipative Jugendmedienbildung zielt auf handlungsfähige und mündige Subjekte, die sich kritisch mit Medien auseinandersetzen und sie für Aspekte der Teilhabe und Mitgestaltung von Gesellschaft nutzen.

 

Jugendmedienbildung braucht Verlässlichkeit und klare Rahmenbedingungen

Gerade in einem Flächenland wie Brandenburg stellen sich für Jugendliche besondere Herausforderungen. Die Nutzung von Angeboten der Jugendarbeit ist besonders in strukturschwachen ländlichen Räumen mit einem hohem Mobilitätsaufwand verbunden. Digitale Angebote der Jugendmedienbildung können hier eine sinnvolle Ergänzung sein und ermöglichen neue Zugänge zu den Heranwachsenden, ersetzen aber Angebote im Sozialraum nicht. Für gelingende Maßnahmen der Jugendmedienbildung braucht es – digital wie vor Ort – geeignete Bedingungen, die Zugänge überhaupt erst ermöglichen und eine digitale Spaltung zwischen Stadt und Land verhindern. Eine flächendeckende Breitband- und Mobilfunkversorgung, eine moderne Technikausstattung in Schulen und Jugendeinrichtungen und die besondere Förderung von Endgeräten für benachteiligte Kinder und Jugendliche sind Grundvoraussetzungen für Jugendmedienbildung und sind kontinuierliche Aufgabe der Daseinsvorsorge. Neben einem infrastrukturellen und technischen Rahmen bedarf es zusätzlich einer sinnvollen und die Schutz- und Beteiligungsbedürfnisse von Jugendlichen im Blick habenden Regulierung. Fragen des Daten- und Jugendmedienschutzes, des Urheberrechts müssen einen sicheren Handlungsrahmen für Pädagog*innen und Jugendliche selbst bieten, ohne für neue und zusätzliche Herausforderungen zu sorgen.

 

Jugendmedienbildung braucht fachliche Weiterentwicklung und Netzwerke

Der Bedarf an Fort- und Weiterbildungsangeboten zur Medienbildung ist deutlich gestiegen. Der digitale Raum bietet hier neue und individualisierte Möglichkeiten und kann Fragen der Zeit- und Ortsunabhängigkeit und der methodischen Vielfalt besonders berücksichtigen. Online- oder hybride Formate sind jedoch kein Mittel der finanziellen Einsparung, sondern bedürfen einer eigenständigen methodischen und inhaltlichen Planung und dienen als Ergänzung zu klassischen Weiterbildungsmöglichkeiten. Auch pädagogische Fachkräfte brauchen einen geeigneten Rahmen mit jährlichen festen zeitlichen und finanziellen Weiterbildungsbudgets. Gerade die hohe Dynamik der digitalen Transformation erfordert eine stete Weiterentwicklung von Pädagog*innen. Sie benötigen die Möglichkeit, sich in regionalen und lokalen Netzwerken begleitet von medienpädagogische Expert*innen kollegial auszutauschen. Die bestehenden Angebote sollten daher ausgebaut werden. Dazu braucht es geeignete Strukturen und Austauschformate sowie (digitale) Räume der Kooperation. Nicht zuletzt bedarf es der Anerkennung der essentiellen Bedeutung des digitalen Raums für Heranwachsende und den damit verbundenen Bedarfen an zeitgemäßen und fest verankerten Maßnahmen der Medienbildung vor Ort.

[1] Andresen, S. et.al. (2021): Das Leben von jungen Menschen in der Corona-Pandemie. Erfahrungen, Sorgen, Bedarfe. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung. URL: www.bertelsmann-stiftung.de/junge-menschen-corona